Wir bringen allen Menschen den Himmel nah

M 31 erscheint als länglicher Lichtfleck zwischen dem Herbstviereck und dem W der Kassiopeia. Die Spiralgalaxie ist besser bekannt als Andromedanebel oder Großer Andromedanebel. Mit einer Entfernung von 2,9 Millionen Lichtjahren ist M 31 das am weitesten entfernte Objekt, das wir normalerweise mit bloßem Auge sehen können.

Kleiner Bär und großer Wagen, Venus, Orion oder Saturn: Sternenhimmel und Universum bleiben blinden und sehbehinderten Menschen meist verborgen. Doch auch sie können künftig von der Sternwarte Sankt Andreasberg im Oberharz ins Weltall blicken und mit Hilfe moderner Technik  bislang unbekannte Welten entdecken. Denn die Mitglieder des gemeinnützigen Vereins Sternwarte Andreasberg haben sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Ihre Sternwarte soll als erste Sternwarte in Deutschland  auch Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit bieten, den Sternen- und Nachthimmel zu erleben und zu begreifen, und zwar mit allen Sinnen. Wir bringen allen Menschen den Himmel nah, so das Motto des Vereins.

Die  Sternwarte setzt nicht allein aufs Visuelle, sondern spricht alle Sinne an und berücksichtigt verschiedene menschliche Einschränkungen. So können Blinde und Menschen mit Sehbehinderungen das Universum mit Hilfe audiovisueller Medien wahrnehmen: akustisch, visuell – mit und ohne Technik – oder auch taktil, also mit Hilfe des Tastsinns an Modellen.  Sie hören, was am Himmel zu sehen ist – der Andromedanebel, die Zwillingssterne Castor und Pollux und Planeten wie Saturn, Venus oder Uranus werden von einem „sprechenden Medium“ (Univer2go) ebenso beschrieben wie andere Himmelsphänomene. Tastmodelle machen die  Größe des Sonnensystems und der einzelnen Planeten, Sternenbilder und Galaxien sowie Formen und Oberflächenstrukturen von Planeten erfühlbar. „Geplant ist auch, dass wir bei Veranstaltungen Filme mit Audiodeskriptionen, also Beschreibungen für sehbehinderte und blinde Menschen oder die Planetariumsshow  „Augen im All – Vorstoß ins unsichtbare Universum“ zeigen, nennt der Vorsitzende des Vereins Sternwarte Sankt Andreasberg, Utz Schmidtko, ein weiteres Beispiel. Der Verein Andersicht e. V.  hat eine Audiodeskription zu der von der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA und zahlreichen Planetarien produzierten Planetariumsshow erarbeitet, die Filme auch für Blinde verständlich macht.

Damit auch gehbehinderte Menschen und Rollstuhlfahrer die Sternwarte  problemlos nutzen können, wird die neue Sternwarte barrierefrei: Von unterschiedlich hohen Säulen an den Teleskopen der Sternwarte profitieren nicht nur Rollstuhlfahrer, sondern auch sehr große und kleine Menschen – kleinwüchsige wie Kinder. Es ist ebenso  stufenlos  und ohne Hindernisse zu erreichen wie die Außenterrasse: Von dort können Amateurastronomen auch durch eigene Teleskope Himmelsobjekte beobachten.

Um die Sternwarte wirklich  barrierefrei zu gestalten und die besonderen Belange behinderter Menschen zu berücksichtigen zu können, wurden Experten  früh in die Planungen einbezogen.  „Wir kooperieren z.B. mit der Nationalen Koordinationsstelle Tourismus für Alle e.V. (NatKo) und hatten schon früh auch Kontakt zum Verein Andersicht e. V. geknüpft“, erklärt Utz Schmidtko. Beide Vereine engagieren sich für barrierefreien Tourismus – und bringen ihre Ideen und Kenntnisse ein. So bietet Andersicht z.B. auch ein Kommunikations- und Sensibilisierungstraining für Gastronomen und Gästeführer im Umgang mit blinden und sehbehinderten Menschen sowie eine Schulung in Raum- und Objektbeschreibung an.

Das mit dem Inklusionsgedanken bundesweit einzigartige Sternwarten-Projekt in Sankt Andreasberg greift im Bereich Tourismus im wahrsten Sinne des Wortes nach den Sternen. Sankt Andreasberg ist der ideale Ort für eine Sternwarte. Die Lage (700 m über dem Meeresspiegel) und abseits von Ballungsgebieten mit weit sichtbaren Lichtglocken sorgt für absolute Dunkelheit, trübungsarme Luft und damit für hervorragende Beobachtungsbedingungen an vielen Tagen des Jahres. Die Lage der Sternwarte am Internationalen Haus Sonnenberg direkt neben dem Nationalpark erscheint auf Lichtverschmutzungskarten dunkelblau – und erfüllt damit astronomische Kriterien besonders gut. Ein weiteres Plus ist die Nähe von Landschulheimen..

Dass sich auch behinderte Kinder und Jugendliche fürs Universum und für Astronomie begeistern, weiß Utz Schmidtko aus Erfahrung. Der (pens.) Förderschullehrer leitete mehrere Jahre eine Astronomie-Arbeitsgemeinschaft an der Pestalozzi-Schule in Großburgwedel, an der auch geistig- und lernbehinderte  Schüler teilnehmen. In Projektwochen reisten sie gemeinsam durch Raum und Zeit und lernten dabei viel Wissenswertes über unser Universum. „Einige Schüler haben inzwischen eigene Teleskope“, erzählt er.

Die Mitglieder des Vereins begeistern mit Vorträgen, Astro-Abenden, Ausstellungen, Exkursionen Vorträgen und Workshops Menschen in und um Sankt Andreasberg für Astronomie – Einheimische ebenso wie Touristen. Ein Highlight ist das alljährlich im Sommer stattfindenden Teleskoptreffen STATT (Sankt Andreasberger Teleskoptreffen), zu dem Amateurastronomen aus ganz Deutschland für ein Wochenende nach St. Andreasberg reisen. Das hochkarätige Rahmenprogramm mit Vorträgen von Wissenschaftlern und Amateuren sowie besondere Angebote für Kinder und Jugendliche lockt in jedem Jahr mehr Sterngucker in den Oberharz.

„Wegen der zunehmenden Lichtverschmutzung sind die Sterne an vielen Orten gar nicht mehr zu sehen. Deshalb kennen viele Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene den Sternenhimmel oder Sternbilder wie Cassiopeia kaum noch“, bedauert Utz Schmidtko.

Damit die Sterne auch künftig weithin sichtbar über St. Andreasberg leuchten und die Beobachtungsbedingungen für Hobbyastronomen gut bleiben, engagiert sich der Verein Sternwarte Sankt Andreasberg für ein weiteres Projekt: Die Region um Sankt Andreasberg und der Nationalpark Harz soll von der International Dark Sky Association (IDA) als Sternenpark anerkannt werden.

Eine Zertifizierung als Sternenpark  gilt in der Astronomie-Szene als hohe Auszeichnung und sorgt für eine große Bekanntheit der ausgezeichneten Region unter Amateur-Astronomen und potentiellen Astro-Touristen.

In Europa gibt es derzeit erst wenige anerkannte Sternenparks. Mit Messstationen zur Überwachung der Beobachtungsqualität, aber auch mit astronomischen Beobachtungsevents und Vorlesungen erfüllt der Sternwarten-Verein die wichtigsten Voraussetzungen für die Anerkennung als Sternenpark

Ein erster Schritt in diese Richtung ist bereits getan: Sankt Andreasberg wurde 2011 in die Liste der „StarParks“ der von der UNESCO unterstützten Starlight Initiative aufgenommen. Sie setzt sich weltweit dafür ein, exzellente astronomische Beobachtungsplätze bekannt zu machen.

Nehemen Sie gern Kontakt zu uns auf, denn wir möchten uns deutschlandweit vernetzen und suchen Unterstützer.

E-Mail: Schmidtko@sternwarte-sankt-andreasberg.de

Artikel: Eva Walitzek-Schmidtko, Journalistin, Burgwedel