Anfang August 2009
trafen sich Hobbyastronomen aus Hannover und Goslar zur ersten
Spechtelnacht auf der Jordanshöhe (728 m) in
Sankt Andreasberg. Sie
hatten im Astronomie-Forum gelesen, dass genau in diesem Bereich der
Bau einer Sternwarte geplant war.
Der Spechtelabend war ein voller Erfolg. Die begeisterten Spechtler und
auch viele Besucher staunten über einen Sternenhimmel, den man sonst
nur in Namibia als Astro-Tourist erleben kann. Messungen ergaben eine
Beobachtungsqualität von 21,6. Und so entstand in der Nacht
vom 31.07. auf den 01.08.2009 die Idee, ein Teleskoptreffens in Sankt
Andreasberg zur festen Einrichtung zu machen. Der Slogan
"Sankt Andreasberg STATT Namibia"
sollte vermitteln, welche Beobachtungsbedingungen Hobbyastronomen hier
erwarteten.
Der relativ kleine, aber sehr aktive Sternwartenverein Sankt
Andreasberg – inzwischen auf fast 50 Mitglieder angewachsen -
organisierte ein Jahr lang, lud zahlreiche Referenten ein, warb auf
allen „Internetkanälen“ sowie in der regionalen Presse, verteilte
Handzettel, ließ T-Shirts drucken, u.v.a.m.
Sozusagen als Generalprobe fand dann am 24.April im Rahmen des
Deutschlandtages der Astronomie eine weitere Spechtelnacht statt, bei
der der Zulauf an Besuchern – vor allem Kindern und Jugendlichen – und
damit der Bekanntheitsgrad stiegen. Größere Hürden bei der Planung und Vorbereitung des STATT zeigten auch,
welche Hindernisse bei der Verwirklichung des zukünftigen
Sternwartenbaus zu bewältigen sein werden. Weil viele Flächen in und um
Andreasberg im Natur- und Landschaftsschutzgebiet liegen, sind
besondere Gespräche mit Ämtern und Antragswege bei der
Naturschutzbehörde erforderlich.
Schon am Tage vor dem offiziellen Beginn des 1. STATT trafen die ersten
Spechtler auf den Parkplätzen am Ortsrand von Sankt Andreasberg ein.
Pensionen im Ort freuten sich über die Anreise und Buchungen
zahlreicher zusätzlicher Gäste.
Vereinsmitglieder und Helfer vom Astrostammtisch Hannover bereiteten
das Gelände vor, denn laut Genehmigung durfte im
Landschaftsschutzgebiet nur ein Randstreifen entlang eines Weges für
die Veranstaltung genutzt werden.
Nur die Unterstützung der Landwirte Neigenfindt sen. und jun.
ermöglichte es dem Verein, das erste größere Teleskoptreffen
in diesem Jahr auf einem so idealen Beobachtungsgelände mit freiem und
lichtgeschütztem Rundum-Blick stattfinden zu lassen. Als beim geplanten Aufbau des Vortragszeltes am Morgen der Wind dies zu
verhindern drohte, half Neigenfindt jun. den Organisatoren und stellte
seine Scheune als Ausstellungs- und Vortragsraum zur Verfügung.
Bis Freitagnacht trafen nach und nach trafen die Teilnehmer ein, z.T.
nach langer Anreise aus dem Süden Deutschlands und übernachteten in
Zelten und Wohnmobilen auf dem Spechtelgelände, aber auch in den
Pensionen der Oberharzer Bergstadt.
Von handlichen Sonnenteleskopen bis hin zum 30-Zöller, einfachen Zelten
bis hin zur Campingzeltsternwarte – die Besucher staunten über die
Bandbreite des Hobbies Astronomie.
Viele sahen die Sonne zum ersten Mal in „ganz neuem Licht“: Flecken und
Protuberanzen kannten sie oft nur aus Büchern oder vom Hören-Sagen.
Das Universum auf einer drei Meter Leiter sitzend durch den
Riesendobson von Raffael Benner zu erleben, waren „Einblicke“, die
viele nicht vergessen werden.
Besondere Beachtung fanden auch die Mondscheiben von Michael Koch, ein
CNC-gefrästes Originaldetail, das entsprechend des derzeitigen
Sonnenstandes beleuchtet wurde.
Der Sternwartenverein Sankt Andreasberg bot jedoch beim ersten STATT
mehr: Der 1. Vorsitzende Dr. Hermann Fischer präsentierte am Sonnabend
ein Rahmenprogramm mit hochkarätigen Vorträgen, interessanten
Informationen und spannenden Aktionen für alle Altersgruppen:
Martin Brückner,
Spiegelschleifer aus Süddeutschland, zeigte
den Besuchern, dass man durchaus auch selbst Hand anlegen kann, wenn
man sich den Traum vom eigenen – nicht ganz preiswerten – Teleskop
erfüllen möchte.
Ralf Gehrmann (Techn. Beirat des Sternwartenvereins) berichtete über
seinen Astro-Urlaub auf der
Astro-Farm Kiripotib in Namibia,
Dr. Friedhart Knolle
informierte über den
Nationalpark Harz und seine Tierwelt bei Nacht.
Besondere Highlights waren die Vorträge von
Christian Reinboth über
ökologische, kulturelle und ökonomische Konsequenzen von
Lichtverschmutzung und
Dr. Andreas Hänel über Dark Sky Parks (Dunkle
Beobachtungsplätze/ Sternenparks) sowie Neues von der
aktuellen
UNESCO-Kommissionssitzung.
Sie zeigten, wie wichtig es ist, dass sich Hobbyastronom, aber auch
politisch Verantwortliche (Mitglieder des Rates der Stadt Sankt
Andreasberg waren unter den Zuhörern) für Themen wie intelligente
Lichttechnik und Lichtverschmutzung-Vermeidung zu engagieren.
Die Astrophysikerin
Carolin Liefke begeisterte besonders die
Kinder:
Die Reise durch das Sonnensystem – theoretisch und praktisch erlebt –,
weckte bei vielen das Interesse an der Astronomie und legte vielleicht
den Grundstein, sich später einmal intensiver mit der Astronomie zu
befassen oder mit eigenem Fernrohr ein Teleskoptreffen zu besuchen.
Uwe Kahnert ermöglichte in seinem Vortrag den Zuhörern einen besonderen
Blick auf den Sommersternenhimmel über dem Harz und referierte über
Kalender und ihre Erfinder.
Durch Reinhard Görke konnten die Gäste etwas über Sonnenuhren
erfahren. Auf dem Spechtelgelände erhielten Einsteiger und Interessierte in
Ha.-Jo. Wahls Zelt eine „Einführung für Aldi- u. Lidl-Teleskopbesitzer“
sowie Tipps und Hilfen für den Einstieg in das schöne Hobby.
In einem Stand des Nationalparks Harz informierte Frau Morgenstern die
Teilnehmer und Gäste.
In der Scheune zeigte ein Sternwartenmodell, das der 2. Vors. Utz
Schmidtko mit Förderschülern im Werkunterrichtes gebaut hatte, wie die
geplante Sternwarte in Sankt Andreasberg aussehen könnte.
Eine Ausstellung mit
Presseartikeln über die zahlreichen Aktivitäten
des Vereins, Astrofotos von Mitgliedern, Plakate und Informationen zum
Thema Lichtverschmutzung sowie ein Bücherstand mit Astro-Literatur aus der
"Grosse’schen Buchhandlung" ergänzten das reichhaltige Programm.
Auch bei den Kindern von Besuchern und Teilnehmern kam keine Langeweile
auf: Während die Eltern Vorträge hörten, wurden sie betreut.
Für das leibliche Wohl derjenigen, die sich nicht – wie die
Hannoveraner Spechtler mit eigenem Grill – selbst versorgen wollten
oder konnten, war ebenfalls gesorgt:
Mittags gab es Erbsensuppe mit Würstchen von der Pension Hanneli,
nachmittags Kaffee und Kuchen vom Sankt Andreasberger Bäcker. Besonders
beliebt war der morgendliche Brötchenservice.
Am Freitagabend lud das Wetter noch nicht so recht zum Spechteln ein –
nur einige Hartgesottene nutzten die ersten Wolkenlücken gegen 4 Uhr
morgens. Doch schon am frühen Samstagmorgen kamen die ersten
Sonnenteleskope zum Einsatz. Nach jahrelanger Abstinenz durch den
Zyklus der Sonnenaktivitäten konnten die Frühaufsteher kurz nach
Sonnenaufgang
Sonnenprotuberanzen und
Sonnenflecken beobachten. Auch
zahlreiche Besucher konnten die Sonnenaktivitäten zum ersten
Mal in ihrem Leben live sehen konnten.
Gegen Abend riss der Himmel immer wieder auf, und selbst erfahrene
Hobby-Astronomen staunten nicht schlecht über den Sternenhimmel in
Sankt Andreasberg. Einige mussten sich wegen der außergewöhnlichen
Sicht erst einmal „neu orientieren“, weil sie hier viel mehr Sterne
sahen als an anderen Beobachtungsorten.
War der Himmel vorübergehend mal bedeckt, wurde diskutiert und
gefachsimpelt. Wer wollte, konnte in dieser Nacht sein Messgerät
(
SQM-L) mit Hilfe von Dr. Hänel für eine objektive Messung der
Himmelsqualität eichen. Der VdS-Fachgruppenleiter für den Bereich DARK
SKY machte auch in dieser Nacht noch einmal Aufnahmen oberhalb von
Sankt Andreasberg, durch die Verbesserungsmöglichkeiten bezüglich
der Lichtverschmutzungsquellen sichtbar wurden. Das kann bei
dem Vorhaben, die Region zum Sternenpark (DeepSkyPark) zertifizieren zu
lassen, sehr hilfreich sein.
(Foto: Dr. A. Hänel)
Auch wenn die Wetterbedingungen beim ersten STATT noch nicht optimal
schienen, so waren doch alle Teilnehmer begeistert und wollen zum
nächsten STATT gern mit weiteren Besuchern wiederkommen. Besonders
gelobt wurde die perfekte Organisation und die herzliche
Atmosphäre dieses ersten Sankt Andreasberger Teleskoptreffens. Möglich
wurde dies durch das große Engagement und viele Aktivitäten der
Mitglieder des Sternwartenvereins sowie Helfer aus dem Ort.
Wie Natur- und Umweltverbunden die Hobbyastronomen sind, zeigte sich
beim Aufräumen am Sonntag: Kein bisschen Abfall musste beim
abschließenden Rundgang über das Spechtelgelände (nach-)entsorgt werden.
Wir alle freuen uns jetzt schon auf das STATT 2011 in Sankt Andreasberg.
Utz Schmidtko
Sternwarte Sankt Andreasberg e.V., 2. Vors.